Dem Engel sein Gesicht zurückgeben
Zwei geschnitzte Engelsköpfe, bei denen die Fassung seit Jahrzehnten abblätterte. Die eigentliche Frage war nicht, wie man sie neu fasst — sondern wie weit man dabei gehen darf.

Der Befund
Im Gesicht fehlte die Fassung in großen Schollen. Was blieb, stand spröde ab und hätte sich bei der nächsten Erschütterung gelöst. Unter den Fehlstellen lag heller Kreidegrund, darunter das nackte Lindenholz — und an den Rändern noch das ursprüngliche Inkarnat, jene fein abgetönte Fleischfarbe, die einem geschnitzten Gesicht erst seinen Ausdruck gibt.
An den Flügeln dagegen hielt sich die alte Vergoldung bis in die Federzüge hinein. Ein Objekt, zwei Zustände: Das macht die Entscheidung schwer.
Drei Schichten, drei Handwerke
Eine gefasste Skulptur ist kein bemaltes Holz. Sie ist ein Schichtenaufbau, bei dem jede Lage eine eigene Aufgabe hat: Auf dem Holz liegt der Kreidegrund, der die Schnitzarbeit glättet, ohne ihre Form zu verlieren. Darauf das Inkarnat für Gesicht und Hände, eine dünn lasierte Malerei, die Haut andeutet statt sie abzubilden. Und auf Haar, Gewand und Flügeln die Vergoldung oder Versilberung.
Was ein Engelsgesicht lebendig macht, liegt in einer Schicht von Zehntelmillimetern.
Fällt eine dieser Lagen aus, bricht die Wirkung zusammen. Deshalb entscheidet bei Skulpturen nicht die Technik über das Ergebnis, sondern die Reihenfolge: sichern, was hält — und nur dort ergänzen, wo der Verlust die Lesbarkeit zerstört.

Neu fassen, altes Verfahren
Der Aufbau folgt demselben Weg wie bei einem Rahmen: Kreidegrund in mehreren Lagen, geschliffen bis die Schnitzkanten wieder scharf stehen, darauf Poliment, darauf das Blattgold. Was bei einer geraden Leiste Routine ist, wird an einer Federzeichnung zur Geduldsprobe — jede Hinterschneidung will einzeln belegt werden.
Das Inkarnat kommt zuletzt. Es wird nicht gedeckt aufgetragen, sondern in dünnen Lasuren aufgebaut, bis die Wangen Farbe bekommen, ohne dass man den Pinselstrich sieht.
Das Ergebnis
Nebeneinander zeigt sich, worum es ging: Beide Köpfe sind dieselbe Arbeit eines Schnitzers, und beide sollen wieder als Paar wirken — ohne dass der eine wie eine Kopie des anderen aussieht.

Restaurieren heißt hier nicht, einen Neuzustand herzustellen. Es heißt, dem Objekt so viel zurückzugeben, dass man wieder sieht, was der Bildschnitzer gemeint hat — und so wenig, dass seine Arbeit die Hauptsache bleibt.
Sakrale Objekte, Figuren, Leuchter: Wir sichern vorhandene Fassungen und ergänzen nur dort, wo der Verlust die Lesbarkeit zerstört — reversibel und nachvollziehbar.
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