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Wie viel Farbe ein Firnis schluckt

An einem Marinegemälde ließ es sich auf den Millimeter genau zeigen: links eine gereinigte Probe, rechts der alte Firnis. Dazwischen eine Kante, die mehr erklärt als jede Beschreibung.

Marinegemälde „Brillant“ mit Reinigungsprobe: die linke Bildhälfte ist gereinigt, die rechte liegt noch unter dem vergilbten Firnis

Der Befund

Ein Frachtschiff in schwerer See, Öl auf Leinwand, in einem gewischten Silberrahmen. Über der Malerei lag ein gleichmäßiger, warmgelber Schleier: Der Himmel stand goldbraun statt blau, die Gischt leuchtete golden statt weiß, und die weißen Aufbauten waren zu Elfenbein geworden. In der Aufsicht zeigte sich ein feines, flächendeckendes Craquelé — ein Netz feiner Risse, wie es jede gealterte Ölmalerei entwickelt.

Die Vergilbung war dabei kein Schaden an der Malerei. Sie lag darüber.

Warum ein Firnis gelb wird

Der Firnis ist die oberste Schicht eines Gemäldes. Er schützt die Malerei vor Staub und Abrieb und sättigt zugleich die Farben — frisch aufgetragen lässt er Tiefen tiefer und Lasuren klarer erscheinen. Traditionell besteht er aus Naturharzen wie Dammar oder Mastix, gelöst in Terpentin.

Nicht die Farbe altert, sondern ihr Schutz.

Genau diese Naturharze vernetzen unter Licht und Sauerstoff. Sie vergilben, verlieren an Transparenz und werden spröde. Je dicker die Schicht und je älter sie ist, desto mehr Blau schluckt sie — und Blau ist in einem Seestück der halbe Bildinhalt. Die Ölfarbe darunter altert ungleich langsamer. Deshalb ist der Befund in solchen Fällen selten dramatisch: Die Farben sind da, man sieht sie nur nicht mehr.

Die Probe entscheidet, nicht die Vermutung

Bevor irgendetwas abgenommen wird, steht die Reinigungsprobe. An einer unauffälligen Stelle wird getestet, welches Lösemittel den Firnis anlöst, ohne die Malschicht anzugreifen — in Stufen, vom mildesten aufwärts, mit dem Wattestäbchen und unter ständiger Kontrolle.

Das Ergebnis ist diese Kante. Sie ist die ehrlichste Grundlage für eine Entscheidung, die es gibt: Beide Seiten sehen, was herauskommt, bevor die Arbeit beginnt. Zeigt die Probe, dass eine Abnahme die Lasuren gefährdet, wird sie nicht gemacht. Das kommt vor — und dann ist die Probe der Grund, Nein zu sagen.

Nahaufnahme der Reinigungskante im Himmel: links gereinigtes Blau, rechts goldgelber Firnis, dazwischen eine senkrechte Grenze
Die Probe im Detail. Links das freigelegte Blau, rechts der Firnis — dieselbe Malschicht, derselbe Pinselstrich, nur einmal mit und einmal ohne die Schicht darüber. Im Streiflicht ist das feine Craquelé über beide Hälften zu sehen.
Detailvergleich am Heck des Schiffs: links unter vergilbtem Firnis mit elfenbeinfarbenen Aufbauten, rechts nach der Firnisabnahme mit klaren Weißtönen
Derselbe Ausschnitt vor und nach der Abnahme. Links liegt der Gelbstich über allem: Die Aufbauten wirken elfenbeinfarben, die Wellenkämme goldbraun, der Himmel ockrig. Rechts sind die Weißtöne wieder weiß und der Himmel bekommt seine kühle Tiefe zurück.

Abnahme, Retusche, neuer Firnis

Die Abnahme erfolgt feldweise, nicht in einem Zug. So bleibt jederzeit ein Referenzbereich stehen, an dem sich ablesen lässt, wie weit man ist. Was dabei sichtbar wird, sind nicht nur Farben, sondern auch frühere Eingriffe: Übermalungen, ältere Retuschen, geschlossene Fehlstellen.

Ergänzt wird anschließend nur in den Fehlstellen selbst, auf einer Zwischenschicht und mit Materialien, die sich wieder abnehmen lassen. Eine Retusche soll das Bild lesbar machen, nicht die Geschichte des Bildes verwischen — wer später daran arbeitet, muss erkennen können, was original ist und was nicht. Zum Schluss kommt ein neuer, alterungsstabiler Firnis, der denselben Zweck erfüllt wie der alte und sich ebenso wieder entfernen lässt.

Das Ergebnis

Ziehen Sie den Regler über das Bild — links der Zustand mit Probe, rechts die abgeschlossene Arbeit.

Marinegemälde „Brillant“ mit Reinigungsprobe: links gereinigt, rechts noch der vergilbte Firnis Marinegemälde „Brillant“ nach Firnisabnahme und Retusche: klarer Himmel, blaugraue See
Mit ProbeFertig

Der Rahmen blieb, wie er war. Ein gewischter Silberrahmen passt zu einem Seestück besser als jede Vergoldung — und ein Rahmen, der zum Bild gehört, wird nicht ausgetauscht, nur weil das Bild wieder leuchtet.

Ein Bild, das stumpf geworden ist? Senden Sie uns Fotos. Wir sagen Ihnen vorab, was eine Reinigung bringen kann — und wann wir davon abraten.

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