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Wenn Wasser den Leim löst

Ein geschnitzter Spiegelrahmen kam mit großflächig abgeplatzter Fassung zu uns. Nicht das Holz hatte gelitten — sondern das, was seit über hundert Jahren darauf lag. Ein Versicherungsfall — und damit eine Arbeit, die von der ersten Aufnahme an dokumentiert wurde.

Großaufnahme des Wasserschadens: abgeplatzte Fassung und abstehende Kreidegrundschollen am Profil eines vergoldeten Spiegelrahmens
Zustand bei der Anlieferung: Die Fassung hat sich über die ganze Länge des Profils vom Holz gelöst.

Der Befund

Auf den ersten Blick wirkt ein solcher Rahmen verloren: Am äußeren Profil fehlte die Fassung auf ganzer Länge, das nackte Holz lag frei, und der Kreidegrund stand in Schollen ab — hart, spröde und so lose, dass er bei Berührung absprang. Das geschnitzte Akanthusband darüber war matt und von einem feinen Rissnetz überzogen.

Zwischen den Blattspitzen hielt die alte Vergoldung noch. Genau dort, wo das Ornament tief ist, sitzt die Fassung am besten — und genau dort beginnt man mit der Untersuchung.

Rahmenleiste vor der Restaurierung: Ornament matt, äußeres Profil mit Fehlstellen
Dieselbe Leiste von der Seite: Das Ornament ist matt und rissig, die Profilkante unterbrochen.
Rahmenecke vor der Restaurierung mit Fehlstellen im Akanthusornament
Die Ecke: Fehlstellen im Ornament, die Fassung matt und rissig.
Rahmenleiste mit gelöstem Kreidegrund und matter Vergoldung
Über die ganze Länge: gelöster Grund, stumpfe Vergoldung.

Ein Versicherungsfall

Der Schaden war ein Fall für die Versicherung, und das ändert die Arbeitsweise, bevor die erste lose Scholle gesichert wird. Am Anfang steht nicht der Pinsel, sondern die Kamera: der Anlieferungszustand in Übersicht und Detail, die Fehlstellen einzeln aufgenommen, dazu ein schriftlicher Befund mit Schadensbild und Ursache und ein Kostenvoranschlag, der die Arbeitsschritte getrennt ausweist.

Dokumentiert wird auch währenddessen. Jeder Zwischenstand wird festgehalten, jede Ergänzung benannt — die Bilder in diesem Beitrag sind ein Teil dieser Dokumentation. Am Ende steht ein Bericht, der Vorzustand, Maßnahmen und Endzustand nachvollziehbar gegenüberstellt.

Für eine Versicherung ist nur geschehen, was belegt ist.

Für Sie als Eigentümer heißt das: Sie erhalten Befund, Kostenvoranschlag und Abschlussbericht in einer Form, die ein Sachbearbeiter prüfen kann, ohne den Rahmen je gesehen zu haben — und Sie müssen nicht zwischen Werkstatt und Versicherung übersetzen.

Was Wasser mit einer Fassung macht

Unter jeder klassischen Vergoldung liegt ein Aufbau aus Kreide und tierischem Leim — zehn Schichten und mehr, jede einzeln geschliffen. Dieser Leim ist der Grund, warum sich eine Fassung nach zweihundert Jahren noch abnehmen lässt. Und er ist ihre Schwachstelle.

Leim, der einmal Wasser gezogen hat, lässt das Holz nicht wieder los — er lässt den Kreidegrund los.

Feuchtigkeit weicht die Leimbindung auf. Beim Trocknen zieht sich der Kreidegrund stärker zusammen als das Holz darunter, wölbt sich auf und reißt. Was zurückbleibt, sind Schollen, die nur noch an den Rändern haften. Wer sie wegwischt, verliert sie; wer sie unbehandelt lässt, verliert sie beim nächsten Transport.

Deshalb steht am Anfang nicht das Gold, sondern das Sichern: Jede noch haftende Scholle wird wieder angelegt und niedergedrückt, bevor irgendetwas ergänzt wird. Was gerettet werden kann, bleibt.

Nahaufnahme des abgeplatzten Außenprofils mit freiliegendem Holz
Das Außenprofil: Kreidegrund abgelöst, Holz sichtbar.
Rahmenecke mit neu aufgetragenem rotem Poliment auf dem Ornamentband
Nach Grundierung und Poliment: Der rote Bolus trägt später das Blattgold.

Ergänzen, wo etwas fehlt

Die Fehlstellen werden mit Kreidegrund geschlossen, Schicht für Schicht, und zurückgeschliffen, bis die Profilkante wieder durchläuft. Das klingt nach wenig und ist die längste Etappe der Arbeit: Eine Leiste, die sich im Streiflicht wellt, verrät jede Nachlässigkeit, sobald sie an der Wand hängt.

Auf den trockenen Grund kommt das Poliment — die rote Bolusmasse, die das Gold später polierbar macht und ihm seine Tiefe gibt. Erst wenn sie steht, wird vergoldet.

Blattgold wird mit dem Anschießer auf das Poliment gelegt, daneben Goldheft und Wattebausch
Anschießen: Das Blatt wird vom Heft aufgenommen und auf die genetzte Fläche gelegt. Die Überlappungen bleiben sichtbar — sie sind das Erkennungszeichen echter Blattvergoldung.
Frisch angeschossenes Blattgold auf einer Rahmenecke, noch unverputzt
Unmittelbar nach dem Anschießen: Das Gold liegt noch lose und überstehend auf. Erst beim Verputzen fällt alles Überflüssige ab.

Die Fassung schließen

Dieser Rahmen lebt vom Gegensatz: ein dunkel gefasstes Akanthusband, aus dem nur die Blattspitzen poliert hervortreten, gerahmt von zwei ruhigen Goldprofilen. Die neuen Partien mussten sich in diesen Bestand einfügen, ohne ihn zu übertönen — und ohne vorzutäuschen, sie seien schon immer dagewesen.

Also wurde getönt, patiniert und an den Kanten so weit zurückgenommen, bis Alt und Neu im selben Licht stehen. Aus einem halben Meter Abstand sieht man einen Rahmen. Aus zwanzig Zentimetern sieht ein Fachmann, wo gearbeitet wurde. Genau so soll es sein.

Rahmenleiste, zur Hälfte noch rotes Poliment, zur Hälfte fertig gefasst mit vergoldeten Blattspitzen
Ein Stück, zwei Zustände: unten das rote Poliment, oben die fertige Fassung.
Vergolder bei der Arbeit am dunkel gefassten Ornamentband
Die Fassung des Ornamentbands wird angeglichen.
Fertig gefasstes Ornamentband mit vergoldeten Blattspitzen
Dunkle Fassung, polierte Goldspitzen.

Das Ergebnis

Der Spiegel hängt wieder. Die Profilkanten laufen durch, das Ornament trägt seinen Glanz nur dort, wo es ihn tragen soll, und von dem Schaden ist aus Betrachtungsabstand nichts mehr zu sehen.

Was dabei bleibt: Alles, was wir getan haben, lässt sich wieder abnehmen. Ein Restaurator in fünfzig Jahren wird erkennen, wo wir eingegriffen haben — und er wird es rückgängig machen können, wenn er es für richtig hält.

Fertig restaurierte Rahmenecke: dunkles Akanthusband mit polierten Goldspitzen, innen vergoldeter Blattstab
Nach der Restaurierung — dieselbe Ecke.
Der fertig restaurierte Spiegel auf dem Stativ in der Rahmenausstellung
Zurück in der Ausstellung.

Ein ähnlicher Schaden an Ihrem Rahmen? Im Schadensfall gilt: nichts abwischen, nichts ankleben — lose Teile aufbewahren und uns anrufen. Bei Versicherungsschäden übernehmen wir die Dokumentation.

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